93 Prozent der befragten Content Creator:innen sehen durch ihre Reichweite eine besondere Verantwortung – zugleich fühlen sich 82 Prozent unter Druck, ständig neue Inhalte zu produzieren. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Haltung und Druck prägt die Ergebnisse unserer explorativen Befragung. Sie zeigt: Creator:innen verstehen sich als meinungsprägende Akteur:innen mit Verantwortung leiden aber unter starker Arbeitsbelastung. 

Content Creator:in gilt vor allem unter jungen Menschen als Traumberuf. Wie der Arbeitsalltag tatsächlich aussieht und wie Creator:innen ihre eigene Rolle sehen, kommt in der öffentlichen Debatte bislang zu wenig vor. Deshalb haben wir gemeinsam mit pollytix von Mai bis Juli 2026 104 Content Creator:innen in Deutschland befragt, darunter einige der derzeit erfolgreichsten im deutschsprachigen Raum. Ergänzend haben wir fünf vertiefende Interviews geführt. Die Befragung ist eine der bislang umfangreichsten wissenschaftlichen Annäherungen an diese Gruppe. Ihre Ergebnisse lassen sich nicht auf alle Creator:innen übertragen, geben aber aufschlussreiche Einblicke.

Ein Beruf mit Sinn und Gestaltungsspielraum 

Grundsätzlich sind die Befragten mit ihrer Tätigkeit zufrieden. 60 Prozent empfinden ihre Arbeit als sinnvoll, mehr als drei Viertel können Entscheidungen, die ihre Arbeit betreffen, oft oder immer beeinflussen. Als wichtigste Gründe nennen sie Leidenschaft für das, was sie tun, und den Wunsch, andere zu unterhalten. 

Creator:innen sehen sich als meinungsprägend

Schon unsere Studie „Spielräume für Demokratie“ hat 2025 gezeigt, wie politisch Gaming-Communitys sind. Die Perspektive der Creator:innen, von denen sich in unserer Stichprobe gut die Hälfte primär dem Gaming Content verschrieben hat, bestätigt dieses Bild: 93 Prozent stimmen zu, dass sie durch ihre Reichweite eine besondere Verantwortung haben, und 77 Prozent glauben, dass sie mit ihren Äußerungen die Diskussionen unter ihren Follower:innen spürbar prägen. Sie sind damit Meinungsmacher:in und Wirtschaftsunternehmer:innen in einer Person. 

Sichtbarkeit ist Arbeitsgrundlage und Last zugleich 

Die ständige Online-Präsenz hat ihren Preis. 72 Prozent der Befragten fühlen sich verpflichtet, immer erreichbar zu sein, 58 Prozent fällt es schwer, Arbeit und Privatleben zu trennen. Von den hauptberuflich tätigen Creator:innen arbeiten 62 Prozent mindestens 50 Stunden pro Woche, 15 Prozent sogar mehr als 70. Und obwohl mehr als 60 Prozent ihre laufenden Kosten problemlos decken können, sorgen sich fast zwei Drittel um ihre Absicherung im Alter. 

Anfeindungen und Abhängigkeit von Plattformen 

Creator:innen sind nicht nur Unternehmer:innen, sondern zugleich das Produkt, das ständig sichtbar sein muss. Die Hälfte der Befragten wird in Kommentaren oder Nachrichten häufiger beleidigt. Nahezu alle befragten Frauen berichten von sexueller Belästigung oder sexualisierten Angriffen. Hinzu kommt die Abhängigkeit von Algorithmen und Regeln der zumeist US-amerikanischen Plattformen: Fast drei Viertel sorgen sich, dass ihre berufliche Zukunft von Faktoren abhängt, die sie nicht beeinflussen können. Bei der mentalen Belastung liegen die Befragten gemessen an Indizes der Weltgesundheitsorganisation und des Robert-Koch-Instituts teils deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt. 

Was daraus folgt 

Die Befunde zeichnen ein differenziertes Bild: Viele der befragten Creator:innen nehmen ihre gesellschaftliche Rolle bewusst wahr. Ihr Verantwortungsbewusstsein bietet Anknüpfungspunkte für den Austausch mit Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Inwieweit sich dieser Anspruch im Umgang mit Informationen, kontroversen Themen und kommerziellen Interessen widerspiegelt, lässt sich aus den Selbstauskünften allein jedoch nicht ableiten. 

Zugleich stehen Creator:innen unter hohem Produktionsdruck, erleben Anfeindungen und sind wirtschaftlich von Plattformen abhängig. Diese Bedingungen können verantwortungsvolles Handeln erschweren; die Verantwortung für die eigenen Inhalte bleibt dennoch bestehen. Deshalb braucht es eine Debatte darüber, was von Creator:innen angesichts ihres Einflusses erwartet werden kann, welche Unterstützung ihnen hilft und wie Plattformen ihrer Verantwortung für die Arbeitsbedingungen und die Qualität digitaler Öffentlichkeit gerecht werden.


Dieser Text ist lizenziert unter einer  Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.