Digitale Gemeingüter versprechen neue Möglichkeiten, den digitalen Raum offen und gemeinwohlorientiert zu gestalten sowie die digitale Souveränität zu stärken. Doch wie könnten Zukünfte mit ihnen aussehen? Im Foresight-Prozess Digital Commons 2040 wagen wir einen Blick voraus.

„Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.“
Antoine de Saint-Exupery

Um die Zukunft als etwas zu fassen, das wir aktiv gestalten, statt als etwas, das uns geschieht, braucht es Vorstellungsvermögen und den Mut, explorative Ideen zu entwickeln, die uns verschiedene Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und unseren Spielraum erweitern können. Besonders im Kontext der Digitalisierung entsteht schnell der Eindruck, die Zukunft werde im Silicon Valley gemacht und galoppiere uns mit immer neuen technischen Entwicklungen davon. Der Aufstieg generativer KI, die Marktmacht großer Plattformen und die Abhängigkeit von wenigen Cloud-Anbietern motivieren die Frage: Wie viel digitale Selbstbestimmung haben wir noch als Staaten, als Gesellschaft, als Einzelne? Und: In was für einer digitalen Welt möchten wir leben? Was können wir tun, um diese Welt zu gestalten? Wer diese Fragen ernst nimmt, kommt nicht darum herum, nach vorne zu schauen, statt nur auf das zu reagieren, was gerade passiert. Genau das wollen wir mit dem Foresight-Prozess Digital Commons 2040 tun – gemeinsam mit Expert:innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Technologie.

Was sind digitale Gemeingüter?

Eine vieldiskutierte Möglichkeit, mehr demokratische Partizipation und Souveränität im digitalen Raum zu erreichen, besteht in Digital Commons. Digital Commons auf Deutsch etwa „digitale Gemeingüter“, sind digitale Ressourcen, die gemeinschaftlich entwickelt werden, offen zugänglich sind und dem Gemeinwohl dienen sollen. Sie sind eine Untergruppe der Gemeingüter, bei denen es sich um Daten, Informationen, Kultur und Wissen handelt, die online erstellt und/oder gepflegt werden. Sie werden auf eine Weise geteilt, die ihre Schließung verhindert und es jedem ermöglicht, auf sie zuzugreifen und darauf aufzubauen. Anders, als klassische materielle Güter, nutzen sich digitale Ressourcen durch Nutzung nicht ab: Je mehr Menschen sie verwenden, desto wertvoller werden sie oft sogar. Genau diese Eigenschaft macht sie zu einem vielversprechenden Baustein für mehr demokratische Partizipation und Souveränität im digitalen Raum. Bekannte Beispiele dafür sind Open-Source-Software, Wikipedia, das dezentrale soziale Netzwerk Mastodon oder gemeinsam verwaltete Daten- und KI-Infrastrukturen.

Wichtig dabei: Offenheit allein reicht nicht. Damit aus offener Technik wirklich ein Gemeingut wird, braucht es – wie die Gemeingüterforscherin Elinor Ostrom für traditionelle Allmenden gezeigt hat – klare Regeln, verlässliche Institutionen und die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Ostrom erhielt 2009 den Wirtschaftsnobelpreis für den Nachweis, dass Gemeingüter nicht zwangsläufig übernutzt werden, sondern durch funktionierende Governance-Strukturen dauerhaft erhalten werden können. Genau darum geht es beim Global Digital Compact, den die Vereinten Nationen im September 2024 beim Summit of the Future verabschiedet haben: Er fordert unter dem Stichwort Digital Public Goods eine international abgestimmte Governance-Architektur für digitale Gemeingüter.

Für alle Interessierten empfehlen wir als weiterführende Literatur:

Mit Foresight einen Denkraum für digitale Zukünfte öffnen

Noch ist offen, welche Rolle Digital Commons in Zukunft tatsächlich spielen werden. Während offene Modelle in manchen Bereichen wachsen, nehmen anderswo Marktmacht und Abhängigkeit von wenigen Anbietern zu. Bislang gibt es wenige Orte, an denen verbindlich ausgehandelt werden kann, nach welchen Regeln digitale Technologien, Daten und Infrastrukturen künftig genutzt werden sollen. Dabei geht es nicht nur um ökonomische Fragen oder den Zugang zu digitalen Ressourcen, sondern auch um die Frage, wie digitale Infrastrukturen im Sinne des Gemeinwohls gestaltet, demokratisch legitimiert und verantwortungsvoll gesteuert werden können.

Eine Möglichkeit, Szenarien der Zukunft zu explorieren, ist Foresight als strukturierte, expert:innengeleitete Methode. Dabei geht es darum, in einer interdisziplinären Gruppe einen angeleiteten (Gruppen-)Prozess zu machen, in dem aus gefestigten Denkmustern ausgebrochen werden soll. So kann man im Alltag kaum vorstellbare Entwicklungen greifbarer machen und alternative Zukunftspfade explorieren. Wir wollen dabei mögliche Zukünfte für Digital Commons und eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung durchdenken, um im nächsten Schritt daraus abzuleiten, was das heute schon für die strategische Ausrichtung und politische Entscheidungen bedeutet. Gerade mit Blick auf Lock-in-Effekte und geopolitische Spannungen ist es hilfreich, mögliche Abhängigkeiten und Konfliktlinien sichtbar zu machen und alternative Handlungsmöglichkeiten herauszuarbeiten. Dabei gilt stets, dass die Zukunft noch offen ist: Es gibt unendlich viele Zukunftsszenarien. In dem Prozess geht es nicht darum, die tatsächlich eintreffende Zukunft vorherzusagen, sondern vielmehr darum mit Unsicherheit besser umzugehen. Ziel ist, verschiedene mögliche Zukünfte sichtbar zu machen und ein gemeinsames Verständnis dafür zu entwickeln, wohin sich digitale Gemeingüter entwickeln könnten.

Im Mittelpunkt stehen dabei folgende Fragen: Welche Rolle können Digital Commons künftig für digitale Souveränität, Innovationsfähigkeit und die Gestaltung des digitalen Raums spielen? Welche alternativen Entwicklungspfade sind denkbar? Und welche Entscheidungen müssen bereits heute getroffen werden, um gemeinwohlorientierte digitale Infrastrukturen zu stärken? Diese und weitere Fragen werden wir diskutieren und weiterentwickeln, angeleitet von Dr. Johannes Gabriel und Theresa Schültken von Foresight Intelligence.

Wie geht es weiter?

Updates zum Foresight-Prozess, den Zukunftsszenarien sowie Denkanstöße rund um Digital Commons gibt es hier von nun an regelmäßig – schaut vorbei!


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