Fußball und KI wachsen immer selbstverständlicher zusammen. Sensoren im Ball, automatisierte Abseitsentscheidungen und Echtzeitstatistiken sind längst Teil des Spiels. Doch je selbstverständlicher diese Technologien werden, desto leichter gerät aus dem Blick, dass hinter ihnen keine abstrakten Systeme stehen, sondern Menschen. Wie Tausende Datenarbeiter die Grundlage für KI-Anwendungen im Fußball schaffen, beschreibt Rafael Grohmann in seinem Beitrag für Rest of World.

Dass die Verbreitung von KI nicht automatisch zu größerem Vertrauen führt, zeigt eine aktuelle Studie des Pew Research Center. Obwohl immer mehr Menschen KI-Chatbots nutzen, blicken viele den gesellschaftlichen Auswirkungen skeptisch entgegen und zweifeln an einer wirksamen Regulierung in den USA.

Im Übrigen entstehen viele vermeintliche „KI-Erfolge“ nicht allein durch die Innovationskraft einzelner Unternehmen, sondern werden durch öffentliche Fördergelder und staatliche Unterstützung ermöglicht. Wenn die öffentliche Hand den Ausbau der KI-Industrie finanziert, sollte sie dann nicht auch einen nachweisbaren Beitrag zum Gemeinwohl einfordern? Sandra Wachter, Brent Mittelstadt, Daria Onitiu und Netta Weinstein vom Oxford Internet Institute schlagen vor, genau diesen Maßstab stärker in den Mittelpunkt der europäischen KI-Politik zu rücken.

Außerdem: Warum der Wert eines Studiums weit über den Einsatz von Chatbots hinausgeht und wie unabhängig Europa beim Thema digitale Souveränität tatsächlich werden kann.

Mit dieser Ausgabe verabschieden wir uns in die Sommerpause. Wir wünschen Ihnen einen erholsamen Sommer und sind im September mit einer neuen Ausgabe von Erlesenes wieder für Sie da.

Viel Spaß beim Lesen wünschen
Elena und Asena

P.S. Ihnen wurde dieser Newsletter weitergeleitet? Hier geht es zum Abo: www.digitalisierung-und-gemeinwohl.de/newsletter/

Die Meinungen in den Beiträgen spiegeln nicht zwangsläufig die Positionen der Bertelsmann Stiftung wider. Wir hoffen jedoch, dass sie zum Nachdenken anregen und zum Diskurs beitragen. Wir freuen uns immer über Feedback – der Newsletter lebt auch von Ihrer Rückmeldung und Ihrem Input. Melden Sie sich per E-Mail an asena.soydas@bertelsmann-stiftung.de oder oder besuchen Sie uns bei LinkedIn unter ​@Digitalisierung&Gemeinwohl​.


Was bleibt vom Studium?

For Students, the Process of ‚Becoming‘ is the Challenge No Chatbot Can Solve, Tech Policy Press, 25.06.2026

Wie verändert sich das Studium, wenn ChatGPT von Anfang an dazugehört? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Studentin Hannah Kim in einem Essay. Anlass ist eine Beobachtung des Informatikprofessors James Mickens: In seinem Kurs zu Betriebssystemen erzielten die Studierenden im Frühjahr 2026 den schlechtesten Notendurchschnitt einer Zwischenprüfung seit zehn Jahren. Er vermutet, dass viele KI-Tools zu intensiv genutzt und dadurch nur ein oberflächliches Verständnis der Inhalte entwickelt haben. Kim beschreibt den Zwiespalt vieler Studierender: Einerseits sollen sie KI kompetent nutzen, andererseits eigenständig denken. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass Lehrende KI-generierte Arbeiten zunehmend kritisch sehen und ungleiche Zugänge zu kostenpflichtigen KI-Tools soziale Unterschiede verstärken können. Für Kim geht es deshalb um weit mehr als den Zugang zu Technologie. Der eigentliche Wert eines Studiums liege im Ringen um eigene Gedanken – ein Prozess, den ein Chatbot Menschen nicht abnehmen könne.


Wie unabhängig kann Europa technologisch werden?

How AI Keeps Europe Hooked on US Cloud, EU AI Industrial Policy Monitor, 30.06.2026

Die deutsche Übersetzungs-App DeepL galt lange als Vorzeigebeispiel für europäische digitale Souveränität. Seit 2017 trainierte das Unternehmen eigene Modelle in einem mit erneuerbarer Energie betriebenen Rechenzentrum in Schweden und übertraf Google Translate in Genauigkeitstests. Im April 2026 kündigte DeepL jedoch eine Partnerschaft mit Amazon Web Services (AWS) an. Für die Autor:innen Frederike Kaltheuner und Leevi Saari zeigt dieser Schritt, wie eng Europas Bemühungen um digitale Souveränität mit der Abhängigkeit von den drei großen US-Cloud-Anbietern Amazon, Microsoft und Google verknüpft sind. Zwar investiert Europa seit 2025 verstärkt in Rechenkapazitäten für das Training großer KI-Modelle. Der größte Bedarf an Rechenleistung entsteht jedoch erst bei deren Nutzung. Die leistungsfähigsten Modelle wie Claude, GPT oder Gemini laufen ausschließlich auf der Infrastruktur der US-Anbieter. Europäische Cloud-Anbieter können deshalb meist nur offene, häufig ältere oder komprimierte Modelle anbieten. Kaltheuner und Saari kommen zu dem Schluss, dass Europas Bemühungen um mehr Unabhängigkeit die bestehende Abhängigkeit sogar vertiefen könnten. Denn je stärker die Nachfrage nach KI wächst, desto größer wird auch die Abhängigkeit von der Cloud-Infrastruktur der US-Anbieter.


Mehr Nutzung, mehr Skepsis

Americans‘ Views on AI Chatbots, Smart Devices and AI’s Impact, Pew Research Center, 17.06.2026

Eine neue Umfrage des unabhängigen US-amerikanischen Pew Research Center unter 5.119 Erwachsenen zeigt: Mittlerweile nutzt etwa die Hälfte der US-Amerikaner KI-Chatbots, ein deutlicher Anstieg gegenüber 2024, als es noch rund ein Drittel war. Etwa ein Viertel verwendet die Tools täglich, vor allem für die Informationssuche und bei der Arbeit. Mit 44 Prozent bleibt ChatGPT der mit Abstand meistgenutzte Chatbot. Es folgen Gemini mit rund einem Viertel sowie Copilot und Meta AI. Grok, Claude und Character.ai erreichen jeweils zehn Prozent oder weniger. Erwachsene unter 50 Jahren nutzen ChatGPT etwa doppelt so häufig wie ältere Altersgruppen. Die wachsende Verbreitung geht allerdings nicht mit größerem Optimismus einher. Vier von zehn Befragten erwarten, dass KI in den kommenden 20 Jahren negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben wird. Erwachsene unter 30 Jahren äußern sich dabei sogar skeptischer als ältere Altersgruppen – sowohl mit Blick auf die gesellschaftlichen Folgen als auch auf ihre persönliche Zukunft. Auch das Vertrauen in die Regulierung bleibt gering: 67 Prozent haben wenig oder gar kein Vertrauen in die Fähigkeit der US-Regierung, KI wirksam zu regulieren. 2024 lag dieser Anteil noch bei 62 Prozent. Besonders ausgeprägt ist die Skepsis inzwischen unter Demokraten, während sie unter Republikaner gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen ist.


Abseits des Fußballfelds

The AI-powered World Cup runs on thousands of data workers, Rest of World, 23.06.2026

Sensorbestückte Bälle, KI-gestützte Abseitsentscheidungen und Echtzeitdaten prägen die aktuelle Fußball-Weltmeisterschaft. Hinter diesen Technologien stehen jedoch Tausende Datenarbeiter in Ländern wie den Philippinen, Kambodscha und Brasilien. Wie Rafael Grohmann, Assistenzprofessor für Medienwissenschaften an der University of Toronto, beschreibt, ist der Fußball schon lange auf diese Form menschlicher Arbeit angewiesen. Die Datenwertschöpfung folgt dabei einer klaren Arbeitsteilung. Während datenbasierte Auswertungsverfahren in wenigen wirtschaftsstarken Technologiezentren entwickelt werden, erfassen Datenannotator:innen in Osteuropa, Afrika sowie Süd- und Südostasien jedes Spielereignis und verwandeln Pässe, Schüsse oder Zweikämpfe in strukturierte Datensätze. Viele von ihnen spielen selbst Fußball oder verfügen über fundierte Spielkenntnisse. Ein ehemaliger Mitarbeiter des deutschen Datenanalyseunternehmens „Impect“ berichtete, dass er europäische Ligaspiele annotierte und während großer Turniere deutlich mehr Spiele auswerten musste, da Teams, Medien und Spieleanalyst:innen Daten in Echtzeit benötigten. Ein freiberuflicher Datenannotator aus Brasilien schildert zudem, dass seine Arbeit vor allem der Wettindustrie dient, die die Quoten während eines laufenden Spiels fortlaufend anpasst. Für Grohmann steht deshalb fest: Der Fußball, den wir heute sehen, beruht ebenso auf der Arbeit dieser Menschen wie auf der Leistung der Spieler auf dem Platz.


Weg vom “fake” zum „messbaren gesellschaftlichen Beitrag“ von KI

Rethinking EU AI policy: why public subsidies for AI should deliver real wellbeing, Oxford Internet Insitute, 24.06.2026

Die Öffentlichkeit finanziert die KI-Industrie mit, erhält bislang jedoch nur wenig zurück. Das ist die zentrale These eines Arbeitspapiers von Sandra Wachter, Brent Mittelstadt, Daria Onitiu und Netta Weinstein vom Oxford Internet Institute. Die Autor:innen verweisen auf Steuererleichterungen, Fördergelder sowie den privilegierten Zugang zu Land, Wasser, Strom und Infrastruktur. Gleichzeitig soll die Omnibus-Verordnung der EU regulatorische Hürden weiter abbauen. Zur Veranschaulichung ziehen sie den Mythos von Perseus heran: Obwohl er Medusa nur mit Hilfe der Götter besiegen konnte, gilt er bis heute als eigenständiger Held. Ähnlich profitierten KI-Unternehmen von öffentlicher Unterstützung, präsentierten sich jedoch als alleinige Innovationstreiber. Deshalb schlagen die Autor:innen vor, „Wohlbefinden“ als dritte Säule der europäischen KI-Politik zu etablieren. Unternehmen sollten künftig nachweisen, welchen messbaren Beitrag ihre Technologien für die Gesellschaft leisten. Damit würde sich der Fokus der KI-Politik von der bloßen Risikobegrenzung hin zu einem nachweisbaren gesellschaftlichen Nutzen verschieben.


Follow-Empfehlung: Correctiv

Correctiv, die gemeinnützige Redaktion für investigativen Journalismus, deckte kürzlich den Einsatz einer Propaganda-KI auf.


Verlesenes: Trotz frühem WM-Aus ein Volltreffer!


Die Kurzzusammenfassungen der Artikel sind unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.