Wie können junge Menschen KI nutzen, ohne Falschbehauptungen aufzusitzen? Salon5 lässt Jugendliche selbst recherchieren, Podcasts produzieren und Fakten prüfen. Die Jugendredaktion von CORRECTIV gewann 2025 den Publikumspreis für digitales Miteinander in der Kategorie „Digitale Demokratie“, die wir als Bertelsmann Stiftung gefördert haben. In diesem Gastbeitrag beschreibt Steffen Ludwig, was Jugendliche dabei lernen und warum es mehr Orte braucht, an denen sie Medienkompetenz praktisch erproben können:

Die sozialen Medien werden überschwemmt. Sprechende Erdbeeren mit Beziehungsdrama, ein Hai in Sneakers oder aber Friedrich Merz, der angeblich mit dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein fotografiert wurde. Auf den sozialen Medien gibt es immer mehr KI-generierte Fotos und Videos. Einige Inhalte sind offensichtlich nicht echt. Andere kann man von realen Aufnahmen allerdings fast gar nicht mehr unterscheiden. Solche KI-Videos, aber auch Desinformation, Hass und Hetze bestimmen den Diskurs auf TikTok, Instagram und weiteren Plattformen. Für Nutzer ist es dabei gar nicht so einfach, durchzublicken und sich im Netz
und den sozialen Medien zu orientieren. Genau das wollen wir bei Salon5 und CORRECTIV ändern. Wir wollen den Menschen Medienkompetenz vermitteln, damit sie sich im Internet zurechtfinden, wissen, wie Algorithmen funktionieren und Künstliche Intelligenz verstehen und nutzen können; damit sie in der digitalen Welt selbst aktiv werden können.

Für Salon5 war das von Anfang an der Grundpfeiler unserer Arbeit: Lernen durch Selbermachen. Jugendliche können bei uns mitmachen; ohne Kosten, ohne Barrieren, ohne Vorkenntnisse. Unsere Tür steht immer offen. Also einfach in die Redaktion kommen und loslegen. Das einzige, was die Jugendlichen dafür brauchen, ist ihre Stimme, ihre Perspektive. Genau deshalb starten wir auch immer mit Podcasts, wenn Jugendliche neu bei uns anfangen. Sie brauchen dafür keinen Text schreiben, wie sie es oft in der Schule machen müssen. Die Hemmschwelle ist deutlich niedriger, als vor einer Kamera zu stehen. Und ein Mikrofon, also das Handy, hat man mittlerweile ja auch immer in der Hosen- oder Handtasche dabei. Die Jugendlichen merken, dass sie eine Meinung haben, dass diese wichtig ist und wie einfach sie diese nach außen tragen können. So erleben sie Selbstwirksamkeit und Teilhabe.

Künstliche Intelligenz bewusst einsetzen

Nach den ersten Podcasts kommen dann Recherchen, Interviews und Videos dazu. Schritt für Schritt zeigen wir den Jugendlichen das journalistische Handwerk. Mit jedem neuen Beitrag geben wir ihnen Werkzeuge an die Hand, damit sie selbst aktiv werden können. Und natürlich spielt dabei auch Künstliche Intelligenz eine Rolle. Sie ist schon längst im Alltag von jungen Menschen angekommen und wird fast täglich genutzt, auch bei Salon5. Künstliche Intelligenz hat viele Nutzungsmöglichkeiten und kann auch in der redaktionellen Arbeit helfen. Allerdings setzen wir KI sehr bewusst ein und wissen um die Probleme und Risiken. Künstliche Intelligenz ist für uns immer nur ein Tool und eine Hilfe, ersetzt aber niemals die eigene sorgfältige Prüfung.

Eine große Unterstützung ist KI für uns vor allem auf technischer Ebene, zum Beispiel in der Post-Produktion von Podcasts und Videos. Mithilfe von KI ist die technische Nachbearbeitung deutlich einfacher. Man kann die einzelnen Tonspuren einfacher pegeln und auf eine Lautstärke bringen. Störgeräusche werden entfernt, sodass ein Dauerrauschen und selbst ein Krankenwagen nicht mehr zu hören sind. Und wenn es darum geht, Audios zu transkribieren oder einen Untertitel für Videos zu erstellen, kann Künstliche Intelligenz ebenfalls unterstützen. Natürlich prüfen wir, dass die KI keine Fehler gemacht hat, aber der Einsatz spart viel Zeit und entlastet unser Team, damit wir mehr Zeit für Recherche und Vermittlung haben.

ChatGPT ist keine Quelle / Sprachmodelle sind keine journalistische Quelle

Außerdem nutzen unsere Jugendlichen häufig Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude für die Recherche von Beiträgen. Sie stellen dem Chatbot ihre Fragen und sammeln so Informationen. Genau hier sehen wir unsere Aufgabe bei Salon5. Jugendliche können und sollen KI-basierte Chatbots nutzen, sie sollten aber wissen, was diese Chatbots können und was nicht – und dass sie sich gerne auch Informationen ausdenken. Wenn die Jugendlichen zum Beispiel ein Skript für ein Video schreiben, geben sie für faktische Aussagen auch immer die Originalquelle oder zwei sekundäre Quellen (z.B. Medienberichte) an. Sprachmodelle wie ChatGPT gehören nicht dazu, denn Chat GPT ist keine Quelle. Der Chatbot kann nur dabei helfen, Quellen im Internet zu finden. Genauso wichtig ist es aber auch, dass unsere Jugendlichen wissen, dass Recherche über das Internet hinausgeht. Interviews, Telefonate und Vor-Ort-Recherche gehören auch dazu und bieten häufig nochmal ganz andere Möglichkeiten.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Faktencheck unseres Jugendreporters Matthew. Er hat die Behauptung untersucht, dass die Joghurts eines Markenprodukts und einer Eigenmarke eigentlich identisch seien, weil auf der Verpackung ein gleiches Symbol abgebildet ist. Für die Recherche ist Matthew unter anderem in den Supermarkt gegangen und hat die Nährwerte und Inhaltsstoffe der Joghurts miteinander verglichen. Außerdem hat er die Hersteller dazu angefragt und natürlich online recherchiert. Das Symbol heißt übrigens nur, dass das Produkt in der gleichen Fabrik hergestellt wurde und nicht, dass es identisch ist.

Matthew ist Teil unseres FaktenChecker Projekts, bei dem wir Falschbehauptungen und KI-Fakes auf den sozialen Medien überprüfen und richtigstellen. Immer wieder geht es dabei darum, KI-generierte Fotos und Videos zu erkennen und zu entlarven. Was dabei auffällt: Jugendliche haben ein Gespür dafür, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz wahrzunehmen. Sie sehen solche Videos täglich, wenn sie TikTok oder Instagram nutzen und haben ein Auge dafür entwickelt. Deshalb fällt es ihnen leichter als älteren Menschen. Was dagegen häufiger fehlt, ist das Bewusstsein dafür, warum Menschen KI-Fakes oder Desinformation verbreiten. Im FaktenChecker Projekt wollen wir diese Inhalte auf Augenhöhe vermitteln, von Jugendlichen für Jugendliche, damit sie resistenter gegen Desinformation und KI-Fakes werden.

Medienkompetenz muss in den Fokus rücken

In Hinblick auf digitale Teilhabe kann Künstliche Intelligenz durchaus eine Chance sein. Chatbots liefern Informationen, fassen diese zusammen und können sie in einer für mich verständlichen Sprache formulieren. Videos auf den sozialen Medien werden automatisch übersetzt, sodass ich auch fremdsprachliche Inhalte verstehen kann. Und auch eigene Inhalte zu produzieren, ist mit Künstlicher Intelligenz ein Kinderspiel. Allerdings sollte KI immer nur als Tool und bewusst eingesetzt werden. Dafür braucht es Medienkompetenz, Wissen und Bewusstsein bei jungen Menschen und in der Gesamtbevölkerung. Hier gibt es
allerdings zu wenige Angebote, um diese Fähigkeiten zu erlernen. Schulen und Lehrkräfte können dem Bedarf nicht gerecht werden. Das sehen wir an den vielen Anfragen für unsere Schulworkshops zum Thema KI. Außerschulischen Angeboten fehlt häufig die Finanzierung. Die Vermittlung von Medienkompetenz in Bezug auf Künstliche Intelligenz und Desinformation muss in den Fokus rücken, um der Herausforderung gerecht zu werden. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene bringt Künstliche Intelligenz aktuell vor allem Risiken mit sich. Mithilfe von KI ist es noch einfacher geworden, authentische Falschbehauptungen zu
erstellen. Dazu kommen Social Bots, die die Kommentarspalten fluten und eine scheinbare Mehrheitsmeinung erzeugen. Außerdem sind wir stark abhängig von wenigen großen Unternehmen, die geheim halten, wie ihre Systeme funktionieren. Selbst wenn Chatbots ihre Quellen angeben, klicken viele Nutzer nicht darauf. Je mehr Menschen sich über Chatbots informieren, desto größer wird auch die politische Macht der Unternehmen. Gleichzeitig verlieren viele journalistische Medien ihre Finanzierungsgrundlage, weil die Menschen nicht mehr auf ihre Webseiten gehen, sondern die Informationen direkt von Chatbots bekommen.
Hier braucht es Regulierung auf politischer Ebene. Die verpflichtete Kennzeichnung KI-generierter Inhalte auf den sozialen Medien ist ein erster Schritt, aber nur ein Anfang.