Südkorea setzt bei KI und Halbleitern auf eine aktive Rolle des Staates: als Förderer, Nachfrager und Organisator von Märkten. Was sich daraus für Europa mit Blick auf Resilienz und Investitionen in KI lernen lässt, hat ein Besuch in Südkorea gezeigt.

Vom 15. bis 19. Juni war das Projekt „Digitalisierung & Gemeinwohl“, vertreten durch Felix Sieker, in Südkorea, um besser zu verstehen, wie das Land seine Rolle in der globalen Technologieordnung definiert. Der Hauptanlass war ein Workshop zur Zusammenarbeit zwischen der EU und Südkorea im Halbleiter-Ökosystem, der vom Berliner Think Tank Interface organisiert wurde. Gleichzeitig bestand die Möglichkeit, verschiedene Institutionen zu besuchen, um mehr darüber zu erfahren, wie Südkorea mit Themen wie technologischer Souveränität sowie dem Einsatz und der Entwicklung von KI umgeht.

Mehr Zusammenarbeit für technologische Resilienz ist politisch gewollt, aber in der Praxis oft sehr herausfordernd

Der Workshop zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen der EU und Südkorea im Halbleiter-Ökosystem machte deutlich, wie ähnlich manche strategischen Interessen sind. Sowohl die EU als auch Südkorea wollen Abhängigkeiten reduzieren, Lieferketten robuster machen und in einer geopolitisch fragmentierten Welt handlungsfähig bleiben. Der Begriff der „middle powers“ spielte dabei eine zentrale Rolle. Er beschreibt Akteure, die insbesondere bei KI und Halbleitern nicht auf Augenhöhe mit den beiden dominanten Ländern USA und China konkurrieren können, aber zusammen dennoch genug technologische, wirtschaftliche, regulatorische oder diplomatische Kapazität besitzen, um die Entwicklung und Nutzung von KI mitgestalten zu können.

Gleichzeitig wurde sichtbar, wie schwierig diese Strategie in der Praxis umzusetzen ist. Während Resilienz für die Politik ein zentrales Ziel ist, hat sie für Unternehmen teilweise den Charakter einer Externalität. Sie tragen die Kosten für Diversifizierung, Redundanzen oder lokale Kapazitäten, können den gesamtgesellschaftlichen Nutzen jedoch nur begrenzt internalisieren. Vorteile wie höhere Versorgungssicherheit, geringere Abhängigkeit von geopolitischen Konkurrenten oder stabilere kritische Wertschöpfungsketten gehen über das einzelne Unternehmen hinaus und sind kurzfristig oft weniger spürbar. Dadurch sind die privatwirtschaftlichen Anreize, in Resilienz zu investieren, häufig schwächer als das staatliche Interesse an solchen Investitionen. Dies ist ein Grund, warum Investitionen in Resilienz in strategisch wichtigen Technologiefeldern oft nur schleppend vorankommen.

Das gilt besonders für Halbleiter, die für Training und Anwendung von KI-Modellen zentral sind – insbesondere Logic- und Memory-Chips. Die EU hat ein Interesse daran, dass solche Komponenten stärker auch in Europa produziert werden. Dafür kommen im südkoreanischen Kontext vor allem Samsung und SK Hynix in den Blick. In der Praxis stellt sich die Ansiedlung dieser Unternehmen in der EU jedoch als sehr herausfordernd dar, da sie kapitalintensiv ist und die südkoreanischen Unternehmen neben einer klaren Nachfrageperspektive weitere Anreize zur Produktion benötigen.

Der Workshop hat deshalb nicht nur Kooperationspotenziale gezeigt, sondern auch die Grenzen eines einfachen „Middle-Power“-Narrativs. Gemeinsame Interessen auf staatlicher Ebene reichen eben nicht aus. Kooperation braucht klare Anreizstrukturen auf beiden Seiten und ist zudem mit hohen Kosten verbunden.

Der Staat als Marktorganisator, um nationale KI-Modelle zu fördern

Besonders aufschlussreich war der Besuch im National AI Research Lab. Im Mittelpunkt stand dort unter anderem Südkoreas Sovereign-AI-Initiative. Im Kern geht es darum, eigene nationale Foundation Models aufzubauen und dadurch Abhängigkeiten von ausländischen KI-Modellen zu reduzieren. Interessant ist jedoch vor allem, wie der südkoreanische Staat die Initiative organisiert.

Das Programm ist als kompetitives, mehrstufiges Verfahren angelegt. Mehrere Teams treten gegeneinander an, werden regelmäßig evaluiert, und auf dieser Grundlage wird entschieden, welche Konsortien weiter unterstützt werden. Die südkoreanische Regierung hat fünf Teams für die Entwicklung eigener Foundation Models ausgewählt; dazu zählen zum Beispiel die großen südkoreanischen Tech-Unternehmen Naver Cloud, SK Telecom und LG. Die Teams erhalten staatliche Unterstützung, unter anderem durch Zugang zu GPUs.

Das Entscheidende ist jedoch der Nachfrageanreiz. Der südkoreanische Staat beschränkt sich nicht darauf, Forschung und Entwicklung zu fördern, sondern versucht, Entwicklung, Anwendung und Beschaffung enger miteinander zu verbinden. Über öffentliche Nachfrage beziehungsweise Beschaffung sollen den Unternehmen frühe Anwendungsmöglichkeiten und Referenzprojekte eröffnet werden. Dadurch entsteht ein stärkerer Anreiz für Unternehmen, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. Denn sie entwickeln so für einen potenziellen staatlichen und industriellen Anwenderkreis und können dadurch Modelle bauen, für die eine Nachfrage geschaffen wurde.

Die Evaluation von Risiken von KI breit gedacht

Südkorea verfolgt jedoch nicht nur einen interessanten industriepolitischen Ansatz zu KI, sondern arbeitet auch seit einiger Zeit verstärkt zu KI-Risiken. Hier ist besonders das südkoreanische AI Safety Institute relevant. Das Institut wurde 2024 gegründet und ist institutionell beim staatlich finanzierten Forschungsinstitut Electronics and Telecommunications Research Institute, ETRI, angesiedelt. Es ist damit anders verfasst als das britische AISI, das stärker als eigenständige staatliche Institution zur Bewertung von Risiken fortgeschrittener KI-Modelle konzipiert wurde.

Der Unterschied liegt auch in der Akzentsetzung. Während das britische AISI besonders auf Frontier-AI-Risiken ausgerichtet ist, ist das südkoreanische AI Safety Institute breiter angelegt. Es widmet sich nicht nur potenziell extremen Risiken, sondern auch Fragen der industriellen Befähigung. Koreanische Unternehmen sollen dabei unterstützt werden, Sicherheitsanforderungen frühzeitig in Forschung, Produktentwicklung und internationale Wettbewerbsfähigkeit einzubauen.

Auffällig war außerdem der stärkere Blick auf konkrete Einsatzgebiete von KI. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie sich KI-Modelle in bestimmten Sektoren verhalten, welche Risiken in diesen konkreten Nutzungskontexten entstehen und welche Governance-Ansätze geeignet sind, um diese Risiken zu bewältigen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die EU einiges von Südkorea lernen kann. Besonders relevant ist der nachfrageorientierte Fokus bei der Entwicklung und Anwendung von KI. Staatliche Förderung wird dort stärker mit konkreten Nachfrageanreizen verbunden. Für Europa ist das ein wichtiger Punkt. Wenn mehr technologische Souveränität und Resilienz in der Praxis funktionieren sollen, müssen öffentliche Investitionen, Regulierung und Nachfrage enger zusammengedacht werden.


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